Kurzes Vorwort

Das nachfolgende Interview von Prof. Veronika Bellone mit dem Gründer von Switcher, Robin Cornelius, wurde im November 2013 geführt. Der Grund: Switcher stand seit seiner Gründung für ökologische und soziale Verantwortung und agierte beispielhaft. So entwickelte das Unternehmen einen Respect Code zur Rückverfolgung des gesamten Herstellungsprozesses jedes einzelnen Kleidungsstückes, der für Händler und Kunden in jedem Kleidungsstück sichtbar war. In der Zwischenzeit wurde, wie der Presse zu entnehmen ist (Neue Zürcher Zeitung, Jungfrau Zeitung), der größte Teil der Unternehmens-Aktien an einen indischen Investor verkauft. Das Unternehmen schrieb seit längerem rote Zahlen und konnte die Löhne nicht mehr bezahlen.Daraufhin eröffnete ein waadtländisches Gericht am 26. Mai 2016 den Konkurs über die Switcher SA.

 

Ein Beispiel dafür, welchen Herausforderungen Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, gegenüberstehen. Ganz speziell auch im Textilbereich. Für uns steigt mit diesem Beispiel der Respekt weiter, den wir Unternehmen entgegenbringen, die wirklich konsequent und langfristig erfolgreich nachhaltige Verantwortung übernehmen und wirtschaftlich erfolgreich agieren. 

 

Wir wollen Ihnen das im November 2013 geführte Interview dennoch nicht vorenthalten.

Ihre Feedbacks dazu können Sie uns gern über unser Kontaktformular am Ende dieses Artikels mitteilen.

Thomas Matla

"Was ist und bleibt von Wert?"

Prof. Veronika Bellone in einem Interview mit dem switcher-Gründer und Verwaltungsrat Robin Cornelius im November 2013

Auf einer meiner vielen Geschäftsreisen las ich das neu erschienene Buch „Das Switcher-Prinzip“ (Wörterseh Verlag 2013) von Robin Cornelius. Es war packend und ehrlich, ganz so als würde man ein Zwiegespräch mit ihm zu seinem Unternehmen Switcher und seiner Person führen. Sofort war meine Neugier geweckt, wie er sich als Franchise-Geber sieht und welche Impulse er für eine nachhaltige Organisation hat. Meine Mailanfrage für ein Interview erfolgte an einem Sonntagabend. Nur eine Stunde später hatte ich die Zusage und bereits erste Möglichkeiten für ein Treffen abgeklärt. Zum „Du“ war er sofort übergangen. Auch damit stand er seiner spontanen und offenen Art nicht nach, die auch im Buch beschrieben wird. Unser Treffen fand am Vorabend der Veranstaltung „Roundtable on Sustainable Consumption and Production“ in Berlin Ende November 2013 statt, zu der er als Gastredner eingeladen war. Obwohl erkältungsbedingt etwas ruhiger, ging er wie ein Wirbelwind durch die Themen, die ich vorbereitet hatte. Eine spannende und humorige Herausforderung, ihn nah an den Fragen zu halten. Aber lesen Sie selbst.

Veronika Bellone: Welche drei Empfehlungen für Unternehmer/innen würdest du geben, wenn diese das Switcher-Prinzip in ihre Werthaltung implementieren möchten?

Robin Cornelius: Meine Empfehlungen drehen sich vor allem um die Selbstreflexion. Denn wie soll ich ein Unternehmen und Mitarbeitende führen, wenn ich meine Passion, Vision, Ängste und Überzeugungen nicht im Detail kenne. Die grössere Herausforderung folgt dann. Nämlich, wie übersetze ich das in ein unternehmerisches Konzept. Und trage dafür die Verantwortung? Denn Unternehmer/in sein, heisst für mich Verantwortung tragen. In guten und in schlechten Zeiten! Auf ökonomischer, sozialer, kultureller und ökologischer Ebene! Um mich dann abends zu fragen: Kann ich mit einem guten Gewissen einschlafen? Das klingt vielleicht harmlos, ist aber sehr ambitioniert.

Nachhaltigkeit ist für mich kein Marketinginstrument. Es ist das Wesen unserer Marke Switcher von Beginn an. Für mich ist die Auseinandersetzung mit dem, was die Marke ausmacht, sehr entscheidend. Was ist und bleibt von Wert? Dabei meine ich nicht die materielle Seite, sondern die ganzheitliche Leistung.

Veronika Bellone: Du schreibst in deinem Buch über die grosse Bedeutung von partnerschaftlich organisierten Netzwerken. Und, dass es dabei immer wichtiger wird, sich zu ergänzen und nicht eine reine „Zweckgemeinschaft“ zu bilden. Wie lebst du deine Vorstellung von komplementärer Partnerschaft im Franchise-Verbund?

Robin Cornelius: In dem ich nicht auf eine rein funktionelle Ergänzung mit meinen Franchise-Partnern und –Partnerinnen setze, sondern auf Verbundenheit. Allerdings lässt sich Verbundenheit nicht „festlegen“. Meine Mission, ein wirklich nachhaltiges Unternehmen zu führen, mein unkonventionelles Vorgehen dabei, meine Leidenschaft beim Entwickeln von Ideen und sich selbst zu leben, bilden dafür eine Orientierung. Das formt die Marke Switcher. Und das formt uns auch als Arbeit- und Franchise-Geber/in. Wer sich auf uns einlässt, bringt diese Eigenschaften mit. Das macht unseren „gemeinsamen Nenner“ aus und lässt eine tiefe Verbundenheit entstehen. Wir ergänzen uns, in dem wir Franchise-Nehmer/innen wie Mitarbeitende persönlich wachsen und entwickeln lassen. Natürlich kommt es dadurch auch zu emotionalen Meinungsverschiedenheiten, aber im Resultat bringt es uns weiter.

Veronika Bellone: Dann gleich eine Anschlussfrage. Welche Glücksfaktoren ziehst du und ziehen deine Franchise-Partner/innen aus der Kooperation?

Robin Cornelius: Ich darf das sein, was mich ausmacht. Im System, im Unternehmen bezeichne ich mich als kreativen Treiber und Coach. Ich setze Impulse und gebe damit anderen in meiner Nähe, die Chance zur Gestaltung und Entwicklung. Das wird dann vom Verkaufsleiter bis zum Controller auf deren spezifische Art und Weise interpretiert und von den Franchise-Partnern und –Partnerinnen nochmals anders. Wichtig, und das sind wohl die Glücksfaktoren dabei, dass wir dabei neben der Selbstbehauptung am Markt auch eine gewisse Lockerheit zulassen. Unsere Arbeit soll Vergnügen bereiten. Wir wollen nicht perfekt sein, sondern echt! Das heisst auch Zulassen einer Fehlerkultur. Ich denke, das schätzen nicht nur unsere Partner/innen und Mitarbeitenden. Auch unsere Lieferanten und Kunden wissen, woran sie mit uns sind.

Veronika Bellone: Du warst einmal drei Jahre aus dem Unternehmen raus. Die Strukturen wurden starr und entsprachen nicht mehr deinem Spirit. Was hat deine Rückkehr bewirkt? Wie sorgst du vor, dass dein Engagement nachhaltig im Unternehmen bleibt, auch wenn du dich einmal zurückziehst?

Robin Cornelius: Es war wie ein Pendel, das in die andere Richtung schlug. Switcher wurde zahlengetrieben. Wo vorher ein Überhang an Kreativität und Emotionalität mit der Schwäche der Unstrukturiertheit war, zeichnete sich nun ein auf Effizienz und Umsatz polierter Betrieb ab. Ein Wechselbad, bei dem viel auf der Strecke blieb. Unsere Kultur drohte verloren zu gehen. Das, was uns speziell macht, die Empathie für Mensch und Umwelt wich der Überorganisation und neuen Hierarchien. Das hat auch zu starker Unruhe im Franchise-Netz geführt, an deren Aufarbeitung wir heute noch sind. Meine Lehre daraus ist, eine Balance zwischen beiden Kräften hinzubekommen. Der rechtshirnigen, kreativen und linkshirnigen, ordnenden durch entsprechende Mitarbeitende und Strukturen, die offen genug sind, um Synergien zu bewirken. In Summe kam noch etwas dabei heraus. Es braucht einen Anteil Chaos. Es ist das Überlebensprinzip – nicht nur in der Natur – auch für Unternehmen.

Veronika Bellone: Du hast zwei Wünsche frei. Was würdest du dir für die Franchise-Wirtschaft und was für dein Unternehmen Switcher wünschen?

Robin Cornelius: Für die Franchise-Wirtschaft wünsche ich mir mehr Interaktion untereinander. Mehr gemeinsame, branchenunabhängige Visionen, wie sich nachhaltiger wirtschaften und Langfristdenken implementieren lässt. Für Switcher wünsche ich mir eine immer grösser werdende „Fankultur“. Und bitte nicht falsch verstehen. Es geht mir nicht um den „Like-Button“, der ist schnell gedrückt. Es geht mir um Fans, die sich über die Marke Switcher, für den bewussten Konsum entscheiden.

Geschafft! Interview mit Robin Cornelius. Foto©Th.Matla
Geschafft! Interview mit Robin Cornelius. Foto©Th.Matla

Veronika Bellone: Robin, vielen Dank für die vielen Informationen, deine nachhaltige Perspektive und das anregende Gespräch.

 

Hier geht es zur switcher-Timeline

http://www.switcher.ch/b2c_sw_de/entreprise-pionniere

 

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Das Interview von Prof.Veronika Bellone mit Robin Cornelius wurde im November 2013 in Berlin geführt.

Copyright:

Prof.Veronika Bellone, Bellone Franchise Consulting GmbH, Zug

Kontakt: office@bellone-franchise.com

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