Fünf Fragen zu INSECT-RESPECT

Prof. Veronika Bellone interviewt Dr. Hans-Dietrich Reckhaus, Geschäftsführer der Reckhaus GmbH&Co.KG 

Respekt als nachhaltiger Lebenskulturausdruck

Das Familienunternehmen Reckhaus, mit Hauptsitz in Bielefeld, ist seit mehr als 50 Jahren auf die Insektenbekämpfung spezialisiert. Gilt das Unternehmen bereits seit gut 20 Jahren als Vorzeigebetrieb in der Umsetzung umweltverantwortlichen Handels, wartet es seit 2012 mit einer schier unglaublich erscheinenden Initiative auf. Unter dem international eingetragenen Gütezeichen „Insect Respect“ bietet Reckhaus im Gegenzug zur Insektenbekämpfung das Erstellen und Bewirtschaften von artgerechten Insekten-Ausgleichs- bzw. Kompensationsflächen an. Zur Eröffnung der ersten Ausgleichsfläche im schweizerischen Appenzell stand der charismatische Unternehmer Dr. Hans-Dietrich Reckhaus für ein Interview zur Verfügung.

1. Prof. Veronika Bellone: Der Begriff „Querdenker“ wird derzeit sehr häufig im Zusammenhang mit Innovationsprozessen genannt. Sie haben u.a. den Querdenker-Award 2014 erhalten für das selbstkritische Nachdenken über den Wert von Insekten und das daraus folgende lösungsorientierte Vorgehen. Insekten bekämpfen und Insekten respektieren durch die Schaffung neuen Lebensraumes für diese. Wie werden Sie in Ihrer Branche der Hersteller von Insektiziden wahrgenommen?

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus © Hartmut Nägele
Dr. Hans-Dietrich Reckhaus © Hartmut Nägele

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus: Wir werden negativ wahrgenommen. Die Anbieter sind nicht bereit, sich mit den negativen Folgen der Insektizide auseinanderzusetzen und an neuen Lösungsansätzen zu arbeiten. Die Biozidhersteller befürchten einen Umsatzrückgang und sehen in uns einen Nestbeschmutzer. Wir intensivieren daher den Kontakt mit Partnern aus dem Handel, der in anderen Segmenten bereits das Thema Nachhaltigkeit pusht und von seinen Lieferanten aktiv einfordert.

2. Prof. Veronika Bellone: Nachhaltigkeit braucht Sichtbarkeit. Das haben wir durch unsere Greenfranchise-Initiative seit 2008 und unseren „Green Franchise Award“ seit 2013 immer wieder erfahren. Eine Breitenwirkung für das in verschiedenen Branchen als sperrig empfundene Thema Nachhaltigkeit zu erzielen, erfordert eine klare Vision, eine hohe Motivation, ein konsequentes Vorgehen und Anerkennung aus den Märkten. Sie haben für „Insect Respect“ neben dem „Querdenker-Award“ zahlreiche weitere Nachhaltigkeitspreise erhalten, wie z.B. die Nominierung als „Industriepreis 2015 best of“, die „Green Selection“ des „Green Product Award 2015“ sowie die Top 3 Platzierung beim „Kyocera Umweltpreis 2014“ in der Kategorie «Biodiversität, Natur- und Gewässerschutz». Wie haben sich diese Auszeichnungen auf Ihre Geschäftstätigkeit sowie die Bekanntheit und das Image von „Insect Respect“ ausgewirkt?

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus: Wie gesagt nimmt die Branche unsere Aktivitäten eher negativ wahr. Auch die Auszeichnungen ändern hier nicht die Sicht der Industrie, die Angst vor einer Revolution des Marktes hat. So ist es leider auch im Handel, der sich bis heute nicht für unser Gütesiegel interessiert. Jeder Preis und die damit verbundene Aufmerksamkeit schaffen jedoch Bewusstsein für unser Thema in der Gesellschaft. Wir erhalten zahlreiche Zuschriften von privaten Konsumenten, die konkret nach unseren Produkten fragen. Wir sind grundsätzlich offen für Kooperationen mit anderen Akteuren der Wirtschaft und gemeinnütziger Organisationen, weil es uns um die Sache geht: Insekten haben einen enormen, noch völlig unterschätzten Wert für unsere Gesellschaft. Sie produzieren unsere Nahrung und Textilien mit, sie heilen, säubern und geben unserer gesamten Umwelt mehr Widerstandskraft. Wenn sich also unter Ihren Lesern und Partnern Menschen und Gruppen finden, die diese Idee verstehen und mittragen wollen, sind wir sehr interessiert und dankbar für Ideen und Gespräche.  

3. Prof. Veronika Bellone: Die Produkte der Firma Reckhaus werden über gut 2‘000 Handelspartner vertrieben. Darunter sind Konzerne wie KMU, die die Insektizide entweder als Eigen- oder Herstellermarke anbieten. Wie multiplizieren Sie Ihr patentiertes Ausgleichsmodell „Insect Respect“?

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus: Wir bieten zwei Möglichkeiten an: Erstens ökoneutrale Insektenbekämpfungsprodukte unter der Marke „Dr. Reckhaus“. Zweitens bieten wir dem Handel und unseren Konkurrenten die Möglichkeit der Kompensation und damit der Nutzung des Gütesiegels „Insect Respect“. Sie informieren uns über ihre Produkte und geplante Verkaufsmengen. Wir berechnen den zukünftigen ökologischen Eingriff und legen im Vorfeld insektenfreundliche Biotope an.

(Anmerkung zur Kunstaktion für Bewusstseinswandel Foto "0902": Aus den 902 von der Bevölkerung geretteten Fliegen ging die Gewinner-Fliege Erika hervor, die mit einem Lufthansa-Flugzeug in ein bayerisches Wellnesshotel fliegen durfte.)

4. Prof. Veronika Bellone: Wir haben bisher über die Bekämpfung und den Schutz von Insekten gesprochen. Jetzt kommen wir zum Thema Verzehr. In Deutschland und in der Schweiz werden innovative Ernährungsalternativen auf Basis von Insekten diskutiert und teilweise bereits angeboten. Wie stehen Sie zum Thema Verzehr von Insekten?

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus: Den Verzehr von Insekten sehen wir positiv. Insekten sind günstig zu züchten und sind aufgrund ihrer Proteine ein reichhaltiges Futter- und Lebensmittel. Zusätzlich rücken die Insekten immer mehr in das Bewusstsein der Gesellschaft, was wir sehr begrüssen. Bei unserem Projekt geht es hingegen nicht um die künstliche Kompensation, sondern um die Schaffung natürlicher Lebensräume, um grundlegend die Biodiversität zu fördern.

5. Prof. Veronika Bellone: Können Sie uns zum Abschluss etwas über Ihre Vision mitteilen und uns einen kurzen Ausblick geben, wo Ihr Unternehmen Reckhaus und wofür das Gütesiegel „Insect Respect“ in fünf bis 10 Jahren stehen wird?

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus: Wir transformieren nach und nach unser Geschäftsmodell: Vom Hersteller von Biozid-Produkten hin zum Anbieter ökologischer Dienstleistungen. Mittel- und langfristig soll so die ganze Branche ihr Wirken hinterfragen. Die Vision lautet: Spätestens 2030 ist es für die Menschen selbstverständlich, Biozide wenn überhaupt dann sparsam einzusetzen, ohne umweltschädliche Schadstoffe und nur mit ökologischer Kompensation durch Insekten-Ausgleichsflächen. Dafür müssen wir jedoch zunächst das Bewusstsein der Konsumenten für die Natur und damit für die Insekten fördern. Sobald es ansteigt, wird sich der Einsatz von Bioziden reduzieren. Diese Entwicklung beschleunigt sich, wenn Medien neben Bienen auch über die Nützlichkeit von Fliegen, Mücken und Ameisen berichten. Mit Insect Respect zeigen wir bereits heute diese Seite verstärkt: durch Videos, Faktenblätter, Ausstellungen und Aktionen. In fünf bis zehn Jahren wollen wir nicht nur als Pioniere gelten, sondern auch international Marktführer für ökologische Lösungen zur Insektenbekämpfung sein.

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus & Prof. Veronika Bellone © Bellone Franchise Consulting GmbH
Dr. Hans-Dietrich Reckhaus & Prof. Veronika Bellone © Bellone Franchise Consulting GmbH

Prof. Veronika Bellone: Herr Reckhaus, haben Sie nochmals vielen Dank für Ihre Einladung zur Eröffnung der ersten Ausgleichsfläche, hier im Appenzell und für das interessante Gespräch. Weiterhin viel Erfolg für die Transformation Ihres Unternehmens und „Insect Respect“. 

 

Das Interview von Prof. Veronika Bellone mit Dr. Hans-Dietrich Reckhaus wurde im September 2015 geführt.

 

Copyright: Prof. Veronika Bellone, Bellone Franchise Consulting GmbH, Zug/CH

Kontakt: office @bellone-franchise.com Homepage: www.bellone-franchise.com


INSECT RESPECT®

Das erste Gütesiegel für ökologische Insektenbekämpfung

www.insect-respect.org

Jurypräsident Pierre Epars (links), Dr. Hans-Dietrich Reckhaus (mittig), Anne-Catherine Lyon, Ehrenpräsidentin der Jury
Jurypräsident Pierre Epars (links), Dr. Hans-Dietrich Reckhaus (mittig), Anne-Catherine Lyon, Ehrenpräsidentin der Jury
Überraschendes Geschäftsmodell: Insektentöter erhält Schweizer Ethikpreis
Der Appenzeller Unternehmer Dr. Hans-Dietrich Reckhaus wurde am 24. November 2015 in Lausanne mit dem Schweizer Ethikpreis ausgezeichnet.
Insektentoeter_erhaelt_Ethikpreis.pdf
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