Von den Grossen lernen

Thomas Matla im Gespräch mit Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich

Die Migros ist in der Schweiz als grösster Detailhändler sehr bekannt und als starke Marke profiliert. Darüber hinaus aber auch aufgrund des umfangreichen gesellschaftlichen Engagements. Seit 1957 übernimmt die Migros auf freiwilliger Basis auch monetär nachhaltig Verantwortung in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales. In Deutschland weiss man davon im Allgemeinen wenig.

Thomas Matla: Frau Graber, es freut uns umso mehr, dass Sie nach Ihrer Auszeichnung „Responsible Retailer of the Year 2009“ nun am 28. Oktober 2010 in der deutschen Hauptstadt Berlin mit dem Preis „Kulturinvestor des Jahres“ ausgezeichnet wurden. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank, dass Sie uns für dieses Interview zur Verfügung stehen. Können Sie unseren Lesern und Leserinnen im deutschsprachigen Raum kurz erläutern, wie es zu diesem langfristigen Engagement und zur Festschreibung des Nachhaltigkeitsgedankens als Migros-Unternehmensziel kam, wie es genau formuliert und organisatorisch verankert ist?

Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich
Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich

Hedy Graber: Die Migros ist nicht nur der größte Einzelhändler und private Arbeitgeber der Schweiz, sondern auch einer der namhaftesten privaten Förderer in den Bereichen Kultur Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. Das von dem Migros-Begründer Gottlieb Duttweiler initiierte „Kulturprozent“ wird auf der Grundlage des Umsatzes berechnet und ist neben dem kommerziellen Erfolg gleichberechtigtes Unternehmensziel. Das Migros-Kulturprozent ist seit 1957 in den Statuten des Unternehmens verankert. Über 2 Milliarden Euro wurden bisher in Institutionen und Projekte investiert. Mit dem Migros-Kulturprozent wird der breiten Bevölkerung der Zugang zu Bildung, kulturellen und sozialen Angeboten ermöglicht.

Thomas Matla: Wie hoch ist Ihr jährliches nationales Budget, das Sie unter dem Stichwort „Kulturprozent“ zur Verfügung haben und wie binden Sie, als Migros-Genossenschafts-Bund, die einzelnen regionalen Genossenschaften ein?

Hedy Graber: Das jährliche nationale Budget des gesamten Migros-Kulturprozent beläuft sich auf rund 90 Millionen Euro.

Gesamtschweizerisch ausgerichtet, realisiert die für Kulturförderung zuständige Direktion Kultur und Soziales eigene Projekte mit nationaler Relevanz und unterstützt Projekte mit Finanzierungsbeiträgen. Der künstlerische Nachwuchs wird mit Talentwettbewerben gefördert. In folgenden Bereichen ist die Direktion Kultur und Soziales tätig: Darstellende Künste und Literatur, Kunst, Musik, Pop und Neue Medien, Soziales, Finanzierungsbeiträge und Talentwettbewerbe. Die zehn regionalen Genossenschaften der Migros fördern regionale Kulturprojekte. Die kulturellen Aktivitäten des Migros-Kulturprozent tragen sowohl den nationalen wie auch den regionalen Bedürfnissen der Schweizer Künstler und des Publikums Rechnung.

Thomas Matla: Welche Projekte, in welchen Bereichen profitieren von dem „Kulturprozent“ und wie verteilen Sie Ihre Budgets?

Hedy Graber: Das Migros-Kulturprozent unterstützt einerseits kulturelle Projekte mit Finanzierungsbeiträgen. Diese Förderung trägt den Bedürfnissen der Kulturschaffenden Rechnung und zeichnet sich aus durch eigenständige, bedarfs- und wirkungsorientierte Fördermassnahmen. Dabei werden die kulturelle und soziale Vielfalt sowie die Bedürfnisse der verschiedenen Regionen und Bevölkerungsgruppen ebenso berücksichtigt wie innovative Projekte. Das Migros-Kulturprozent spricht Beiträge für Projekte in der Schweiz (Anmerkung der Redaktion: schweizerisch für unterstützt...). Geförderte Sparten: Kunst, Comic, Heimatschutz- Denkmalpflege, Kinder- und Jugendtheater, Kleinkunst, kulturelle Institutionen und Projekte, Literatur, Musik, Neue Medien, Theater, Tanz und spartenübergreifende Projekte. www.kulturprozent.ch/

Thomas Matla: Wie ermitteln Sie „Kulturprozent“- würdige eigene und fremde Projekte und wie langfristig planen Sie voraus?

Hedy Graber: Wir verfügen in unserer Direktion über ein Intendanzmodell und realisieren eigene Projekte von der Idee bis zur Umsetzung, vom Engagement der Compagnien bei unserem Tanzfestival Steps bis hin zum Ticketing. Bei unseren Migros-Kulturprozent-Classics haben wir eine Planungszeit von ca. 2 bis 3 Jahren. Das heisst, dass unser Programm für die Saison 2012/13 bereits heute schon fest steht. Ziel unserer eigenen Projekte ist es, in der Schweizer Kulturlandschaft Lücken zu schliessen und Impulse zu geben.

Thomas Matla: Gibt es eine Art „Kulturprozent“-Controlling und worin sehen Sie Ihren „Return on Investment“?

Hedy Graber: Alle unsere Aktivitäten messen wir in Bezug auf Innovation, Partizipation und ihre gesellschaftliche Relevanz. Unsere Projekte schaffen – sozusagen als positiver Nebeneffekt - Goodwill für die Migros.

Thomas Matla: Wie wirkt Ihr gesellschaftsrelevantes Engagement nach innen, auf Ihre Mitarbeitenden und wie kommunizieren Sie ihnen gegenüber Ihre Aktivitäten?

Hedy Graber: Die Direktion Kultur und Soziales ist eine Organisationseinheit des Migros-Genossenschafts-Bundes: wir sind in regelmässigem Kontakt zu den Mitarbeitenden die es schätzen, dass ihre Arbeitgeberin in hohem Masse soziale und kulturelle Verantwortung wahrnimmt. Die Mitarbeitenden des Migros-Genossenschafts-Bundes können von Spezialangeboten profitieren. So organisieren wir z.B. spezielle Mitarbeiter-Führungen im migros museum für Gegenwartskunst oder offerieren Tickets für die Kleinkunstbühne „IM HOCHHAUS“.

Thomas Matla: Welchen Tipp können Sie Franchise-Unternehmen geben, die über die eigene Partner-Organisation gesellschaftliches Engagement und damit verbundene Werte schnell und nachhaltig etablieren können?

Hedy Graber: Kulturförderung erzielt ihre Wirkung, wenn sie langfristig und konsequent ausgerichtet ist. In diesem Sinne erachte ich es als wichtig, nicht nur Fördergelder zu verteilen, sondern ein Konzept für ein nachhaltiges Engagement zu entwickeln.

Thomas Matla: Frau Graber, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

 

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Das Interview von Thomas Matla mit Hedy Graber wurde im Anschluss an die Preisverleihung „Kulturinvestor des Jahres“ am 28. Oktober 2010 in Berlin geführt.

Copyright:

Thomas Matla, Greenfranchise Lab®, Berlin

Kontakt: office@greenfranchiselab.com