Hohe unternehmerische Ziele erklimmen - aber nachhaltig!

Prof. Veronika Bellone im Gespräch mit Adrian Huber, Head of Brand and Product Development Mammut Sports AG

Die 1862 in der Schweiz gegründete Marke Mammut ist auf Bekleidung, Schuhe, Rucksäcke, Seile, Kletterschuhe und Gurte sowie Schlafsäcke mit Ajungilak-Technologie spezialisiert. Die Produkte werden nach wie vor in der Schweiz für Alpinisten und Kletterer entwickelt und zeichnen sich durch höchste Qualität, Funktionalität und Sicherheit aus. Mammut ist Teil der Mammut Sports Group AG, zu der auch die Marke Toko gehört. Neben dem zentralen Firmensitz im Schweizerischen Seon (seit 1992), wo heute über 200 Personen arbeiten, ist die Mammut-Gruppe über Niederlassungen und Tochtergesellschaften weltweit tätig. In der Schweiz hat die Mammut-Gruppe zudem eine Franchisekooperation realisiert.

Veronika Bellone: Die Mammut Sports Group AG hat Nachhaltigkeit als Unternehmensziel verankert. Können Sie uns etwas darüber sagen, wann und von wem der Impuls dafür ausging?

Adrian Huber, MAMMUT
Adrian Huber, MAMMUT

Adrian Huber: Da muss ich mit der Beantwortung etwas ausholen, denn die Sensibilisierung auf das Thema Corporate Social Responsibility (CSR) liegt bereits weiter zurück. Anfang der 1990iger Jahre wurden Skandale namhafter, internationaler Sport- und Kleidermarken laut, die insbesondere auf soziale aber auch ökologische Missstände zurückzuführen waren. Zum ersten Mal folgten daraufhin Diskussionen auf internationaler Ebene und der Ruf nach mehr Transparenz. Das hat dazu geführt, dass viele dieser – in Misskredit geratenen – Brands heute zu Vorbildern geworden sind, wenn es um Corporate Social Responsibility geht – z.B. Nike. Das ist selbstverständlich auch an uns nicht spurlos vorübergegangen und so hatten wir CSR bereits seit langem auf unserer Agenda und in einigen Aktivitäten auch gelebt. Bis wir in einem Strategieentwicklungs-Prozess 2007 CSR als integrierten Bestandteil unserer Unternehmensstrategie fest verankert haben.

Veronika Bellone: Wie haben Sie die neue Zieldefinition „Nachhaltigkeit“ im Rahmen der Verantwortlichkeiten und in der Unternehmensorganisation gelöst? Gibt es eine Art „Nachhaltigkeits-Vorstand“, einen „Nachhaltigkeits-Partnerbetreuer“, „-Manager“ und „-Controller“?

Adrian Huber: CSR ist für uns keine Parallelstrategie, sondern ein integrierter Prozess, der sich durch alle Bereiche unseres Unternehmens zieht. Das bedeutet Change Management in „Reinkultur“ mit allen Chancen und Herausforderungen, die eine grundlegende Veränderung mit sich bringt. Sie haben Skeptiker und Bewahrer, die am Gewohnten festhalten wollen und dafür diverse Gründe vorbringen. Sie haben die Euphoriker, die mitreissen können, aber manchmal auch über das Ziel hinausschiessen. Um eine koordinierte und zielgerichtete Informationsverbreitung und Auseinandersetzung in Gang zu setzen, ist es unabdingbar, dass das Top-Management geschlossen hinter dem Thema Nachhaltigkeit steht. Zudem haben wir uns zu so genannten „CSR-Göttis“ (Paten) entschlossen. Diese sind in allen Funktionsbereichen vertreten und haben die Aufgabe, jeweils aus der „grünen Perspektive“ heraus Projekte und Entscheidungen kritisch zu hinterfragen. Die CSR-Göttis werden in den Teams sehr geschätzt. Sie selbst haben übrigens diese Rolle aus eigenem Antrieb übernommen – ohne Extra-Vergütung – es ist ihr Selbstverständnis, ihr Verantwortungsbewusstsein, das sie antreibt. Das beflügelt natürlich auch die anderen. Und so haben wir es nach 2 Jahren geschafft, einen breiten Konsens zum Thema Nachhaltigkeit in der gesamten Belegschaft zu finden. 

Veronika Bellone: Die Mammut Sports Group setzt auf soziale, ökologische und gesellschaftliche Nachhaltigkeit, von der Realisierung sozialer Arbeitsverhältnisse und einer fairen Wertschöpfungskette, über eine CO2-Kompensation für die klimaneutrale Seilproduktion und den Ankauf der Bio-Baumwolle bioRe von Remei, bis hin zur Förderung des Kirgistan Bergprojekts. Wie stark müssen Sie Ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten im jährlichen Marketingbudget berücksichtigen? Und, worin sehen Sie den Return on Investment?

Adrian Huber: Der Return on Investment ist schwer zu verifizieren. Unser CSR-Budget können wir natürlich beziffern. Es sind die Memberships in den internationalen Partnerorganisationen und Institutionen im Bereich der Nachhaltigkeit, unser gesellschaftliches Engagement, die Personalkosten und kommunikativen Massnahmen wie z.B. Events für unsere Mitarbeitenden, wenn wir spezielle CSR-Themen und Projekte anschaulich mit Vorträgen, Filmen und externen Referenten vorstellen. Letztendlich zahlt alles auf unsere Marke ein. Und echte, gelebte Nachhaltigkeitskultur avanciert zu einem Unternehmenswert, der von vielen Händlern wie Kunden nicht nur geschätzt, sondern mittlerweile auch gefordert wird. Wie z.B. von der Händlerkette REI in den USA, die Brands ohne CSR-Engagement je länger je weniger in ihr Handelssortiment aufnimmt. Als Outdoor-Spezialist leben wir von einer intakten Umwelt – so interpretieren auch die Kunden, dass gerade solche Brands einen achtsamen Umgang mit der Natur und mit sozialer Verantwortung pflegen.

Veronika Bellone: Sie haben gerade die Mitgliedschaften erwähnt. Mammut arbeitet seit dem Nachhaltigkeitsprozess-Start vor gut 10 Jahren, mittlerweile mit vielen anerkannten internationalen Partnerorganisationen, wie der „FWF Fair-Wear-Foundation“, der „EOG European Outdoor Group“ und der „AfC Association for Conversation“ im Schweizer Zug zusammen, um Nachhaltigkeit langfristig zu entwickeln und zu fördern, verbunden mit einem professionellen und firmenneutralen Nachhaltigkeits-Controlling. Dabei haben Sie sich verpflichtet, regelmässig und transparent über Ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten zu berichten. Haben Sie Ihre nationale und internationale Kommunikationsabteilung entsprechend auf- oder umbauen müssen und wie viel „Kommunikatoren“ sind mittlerweile für Ihr Unternehmen tätig?

Adrian Huber: Neben dem Responsibility-Team, das aus Corina Zanetti und mir besteht, kommt hier das „Götti-Programm“ zum Tragen. Dadurch, dass Nachhaltigkeit bei uns kulturell integriert ist, trägt sich diese Haltung auf breiter Ebene nach aussen. Wir können das sehr gut beobachten, da sich zum Beispiel auf Stellenausschreibungen zunehmend Bewerber melden, die sich sehr eingehend mit unserem nachhaltigen Wirken auseinandergesetzt haben und sich sehr stark damit identifizieren können. Das sehen wir übrigens auch bei unseren Kooperations- und Franchisepartnern.

Veronika Bellone: Die Mammut Sports Group verfügt über ein eigenes „MAMMUT Responsibility-Label“ für nachhaltige Produkte und Engagements. Wie lauten die Kriterien, damit ein Mammut-Projekt oder -Produkt mit diesem Gütesiegel ausgezeichnet wird?

Adrian Huber: Wie schon erwähnt, kompensiert die Mammut Sports Group AG seit Sommer 2008 jährlich 280 Tonnen CO2-Emissionen, die bei der Seilproduktion anfallen. Die Seile sind somit klimaneutral. Die Kompensation der CO2-Emissionen der Mammut-Seilproduktion erfolgt mit der Non-Profit-Stiftung myclimate, einem führenden internationalen Anbieter für CO2-Kompensationsmassnahmen mit Schweizer Wurzeln. Einhergehend mit diesem Meilenstein wollten wir CSR „ein Gesicht“ geben. So entstand das Mammut-eigene Label. Allerdings arbeiten wir bereits an einem gross angelegten, unternehmensinternen Projekt, das zum Ziel hat, einen Eco-Index zu entwickeln, der alle Prozesse einbindet, die bei der Herstellung und Konfektionierung unserer Produkte anfallen; von der Materialwahl bis zum Produktlebensende. So wollen wir eine ganzheitliche Betrachtung der Produktionskette mit Verbrauchswerten, Emissionen und weiteren Indikatoren aufstellen, um aussagekräftige Werte zur Öko-Bilanz zu gewinnen.

Veronika Bellone: Sie bemühen sich speziell um die junge Generation. Dabei ermutigen Sie Ihre Mitarbeitenden zum nachhaltigen Engagement und integrieren sie zeitweilig auch im Ausland in Ihre ökologischen und gesellschaftlichen Projekte. Wie sind Ihre konkreten Erfahrungen im „Kirgistan Bergprojekt“?

Adrian Huber: In Kirgistan geht es uns um die Förderung eines umweltbewussten Bergsporttourismus. So wurden unter anderem in Zusammenarbeit mit der kirgisischen Bergsportbranche neue Kletterrouten nahe der kirgisischen Hauptstadt Bishkek erschlossen. Zudem wurde die Razeka-Hütte, im wichtigsten Basislager des Ala-Artscha Nationalparks gelegen, komplett saniert und auf Vordermann gebracht. Wir ermöglichen jedes Jahr zwei Mammut-Mitarbeitenden einen dreiwöchigen Einsatz vor Ort. Aus dem Kirgistan-Bergprojekt konnten wir bereits sehr wertvolle Erfahrungen gewinnen. Auch solche, die einem die Grenzen aufzeigen, wenn unterschiedliche politische/kulturelle Wertsysteme aufeinander stossen. Bewährt hat sich die Hilfe zur Selbsthilfe, die sich zum Beispiel in der Ausbildung von Bergführern und anderen Schulungsmassnahmen zur nachhaltigen Tourismusförderung manifestiert. Die Agentur für globale Verantwortung, Win=Win, unterstützt uns dabei mit ihrem Fachwissen, Netzwerk und ihrer Erfahrung in der Entwicklungs-zusammenarbeit. Das Projekt wird von der Deutschen Investitions- & Entwicklungsgesellschaft (DEG) aus öffentlichen Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit & Entwicklung mitfinanziert.

Veronika Bellone: Worin sehen Sie Ihre Nachhaltigkeitsziele in den nächsten Jahren?

Adrian Huber: Unsere Vision ist, die besten alpinen Produkte anzubieten, eine hohe soziale Verantwortung wahrzunehmen und den bestmöglichen Fussabdruck zu hinterlassen, damit unsere Nachfahren auch Alpinisten sein können. Unser übergeordnetes Ziel ist, zu den Besten unserer Branche zu gehören. Als prioritäres Ziel sehen wir die Ausgestaltung des Eco-Index zur ganzheitlichen und systematischen Betrachtung unserer Öko-Bilanz entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis 2014. Dies stellt sicher, dass wir uns nicht nur auf einzelne – vielleicht unwichtige- Teilaspekte konzentrieren. Vielmehr wird uns der Eco-Index aufzeigen, welches die relevanten negativen Einflussfaktoren in Bezug auf die Umwelt sind und wie wir diesen durch effektive Verbesserungsmassnahmen wirkungsvoll begegnen können. Damit leisten wir einen echten und glaubwürdigen Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit, auf Unternehmens- und Produkteebene. Wie gesagt, es ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, eine lange Reise, ohne Ende. Wir haben unseren Rucksack gepackt und sind bereit diesen Gipfel zu besteigen…

Veronika Bellone: Danke für die ausführlichen Schilderungen, die sehr anschaulich zeigen, welche Herausforderungen ein nachhaltiges Bewusstsein darstellt, aber auch welche Chancen sich zeigen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre ehrgeizigen Ziele.

 

*******

Das Interview von Prof. Veronika Bellone mit Adrian Huber wurde im März 2010 geführt.

Copyright:

Prof.Veronika Bellone, Bellone Franchise Consulting GmbH, Zug

Kontakt: office@bellone-franchise.com