Fünf Fragen an die ÄSS BAR

ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018
ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018

Auf ein Wort

Wer in Zürich durch die Stüssihofstatt läuft, kann die Beschilderung der ÄSS BAR eigentlich kaum übersehen. Auch wenn es sich nur um ein kleines Geschäft handelt, zieht es Besucher magisch ins Innere. Die angebotenen leckeren Backwaren verkaufen sich von früh an recht flott. Es hat sich bereits ein festes Stammpublikum gebildet. First come, first served. Als wir das Geschäft mittags betreten, sind erste leere Regale sichtbar. Das noch verfügbare Angebot, überzeugt uns aber sofort. Die Qualität der Produkte stimmt. Der Slogan wir bestätigt. Und, man unterhält sich hier. Es ist ein Ort der nachbarschaftlichen Begegnung und der Kommunikation. Als wir mehr über das ÄSS BAR-Geschäftskonzept, die Bekämpfung von Foodwaste, erfahren, werden wir Fan des Unternehmens. Wir erinnern wir uns an eine einzelne Bäckerei in Berlin-Prenzlauer Berg. Dort wurde ebenfalls "gut gereiftes Brot" offeriert. Hier ist das Produkt-Angebot viel umfangreicher, das Geschäftskonzept viel durchdachter und das gesellschaftliche Engagement geht wesentlich weiter. Die ÄSS BAR gibt es zurzeit mit neun Verkaufsstellen, in acht Schweizer Städten. Sie ist eine echte "Purpose driven Company", die ihr verantwortliches Geschäftskonzept schweizweit multipliziert und dadurch ihren gesellschaftlichen Impact steigert. Wir freuen uns deshalb sehr, Ihnen heute ein Interview mit Sandro Furnari, einem der vier Gründer, vorstellen zu können. 

Thomas Matla interviewt Sandro Furnari, Mitgründer und Geschäftsführer der Äss-Bar GmbH, Forch/Schweiz

Thomas Matla: Guten Tag Sandro, die Äss-Bar bietet, wie euer Claim sagt, Frisches von gestern zu stark reduzierten Preisen. Wie kam es zu eurer Geschäftsidee, wer und was steckt dahinter?

Sandro Furnari: Hinter der Äss-Bar stehen vier langjährige Freunde, die sich aus der Jugend- und Studienzeit kennen. Dahinter verbirgt sich der gemeinsame Wunsch eine Geschäftsidee zu entwickeln und umzusetzen Alle vier sind gleichberechtigte Partner und Teilhaber der Äss-Bar. Die Partner der Äss-Bar sind weiterhin in ihren angestammten Berufen in Führungspositionen tätigen. Der Detailhandel war und ist für alle ein Quereinstieg in ein unbekanntes Geschäftsumfeld.

 

2012 haben wir ähnliche Konzepte im nahen Ausland gesehen. Insbesondere in Frankreich und Deutschland gibt es seit längerer Zeit Verkaufsgeschäfte die bereits "Lebensmittel von gestern" verkaufen und sich gegen Food Waste einsetzen. Dies hat uns begeistert und inspiriert etwas Vergleichbares in der Schweiz aufzubauen. Wir haben dementsprechend die Idee für die Schweiz adaptiert und nach einer kurzen Evaluationsphase im Herbst 2013 das erste Verkaufsgeschäft in Zürich eröffnet.

ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018
ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018

Thomas Matla: Wie sieht euer Business Concept aus, an wen richtet es sich und welche Partner bindet ihr ein?

Sandro Furnari: Das Konzept der Äss-Bar ist sehr einfach und transparent gehalten. Wir verkaufen in unseren Läden "Frisches von gestern" zu einem stark vergünstigten Preis. Damit leisten wir einen Beitrag zur Reduzierung von Food Waste und bieten den Kunden die Möglichkeit, qualitativ hochwertige Lebensmittel zu einem günstigen Preis zu kaufen. Die Produkte werden täglich von unserer eigenen Logistik bei den Partner-Bäckereien abgeholt und für den weiteren Verkauf in die verschiedenen Verkaufsgeschäfte von uns geliefert.

 

Unsere Partner kommen fast ausschliesslich aus der Bäckereibranche. Wir sind überzeugt, dass unsere Produkte am nächsten Tag deshalb noch so gut schmecken, weil diese von unseren Partnern mit viel Sorgfalt, Herzblut und einem hohen Qualitätsbewussten hergestellt wurden. Unser Angebot spricht alle Kundensegmente und Käuferschichten an. Dies zeigt auch die grosse Stammkundschaft die täglich oder mehrmals die Woche eines unserer Verkaufsgeschäfte besucht.

ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018
ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018

Thomas Matla: Als «Purpose driven company» verfolgt ihr eure Ziele mit eurem nachhaltigen Geschäftskonzept sehr konsequent. Ihr verkündet bereits Erreichtes, wie die Verhinderung von Food Waste, die Reduzierung von CO2 Ausstoss und die steigende Anzahl glücklicher Kunden und Kundinnen. Welche Werte sind euch dabei besonders wichtig und welche Erfahrungen habt ihr in Bezug auf diese Werte mit euren Kunden und Kundinnen, Mitarbeitenden und Partnern gemacht?

Sandro Furnari: Wir verfolgen keine bestimmten Werte. Es geht in erster Linie darum, einen sinnvollen Umgang mit den uns zu Verfügung stehenden Ressourcen anzustreben. Lösungen für Herausforderungen zu finden und diese dann auch einer breiten Bevölkerungsgruppe zugänglich zu machen.

 

Unser Ziel ist es, den Food Waste und die Auswirkungen davon zu reduzieren. Wichtig scheint uns aber auch, dass wir unsere Kunden mit dem Thema Food Waste überhaupt in Berührung bringen und aufzeigen, was für Dimensionen und Konsequenzen dies mit sich bringt. Wir tun dies vor allem über unsere Verkaufsgeschäfte. Wir wollen, dass unsere Kunden sensibilisiert werden im Umgang mit Lebensmittenl, aber nicht mit einem schlechten Gewissen unser Geschäfte verlassen. Die Freude am Einkauf und daran etwas Gutes gekauft zu haben, soll weiter überwiegen. Dementsprechend soll ein Besuch bei uns möglichst unkompliziert sein. Dies spürt man meiner Meinung nach auch daran, wie unsere Mitarbeitenden den Kunden begegnen. Unsere Mitarbeitenden sind in der Regel so begeistert vom Konzept, dass sich dies von alleine auf die Kunden überträgt.

 

Ich bin immer wieder erstaunt wie begeistert Kunden in den Verkaufsgeschäften reagieren, wenn sie vom Konzept hören oder uns positive Feedbacks in die Gästebücher schreiben. Diese Begeisterung wollen wir auch als Äss-Bar immer wieder aufgreifen und leben.

Thomas Matla: Ihr konntet mit eurem Äss-Bar-Geschäftskonzept bereits das «Battle of Ideas» (SDGs) und Awards gewinnen (SEIF Award 2015, Sonderpreis der ZKB 2018). Wie wichtig sind diese Awards für eure Geschäftsentwicklung und wie wichtig ist die tägliche konsequente Umsetzung im Markt?

ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018
ÄSS BAR Zürich © Foto: Thomas Matla 2018

Sandro Furnari: Die Preise sind in erster Linie eine Wertschätzung und Anerkennung unserer Arbeit. Wir haben uns über alle Preise sehr gefreut und es ist insbesondere für den Aus- und Aufbau eines Geschäftsnetzwerkes hilfreich. Viele persönliche Kontakte sind durch die Awards entstanden.

 

Auf die tägliche Arbeit oder zukünftige Geschäftsentwicklung haben diese Preise aber keinen oder nur wenig Einfluss. Dafür haben die Preise selbst zu wenig Aufmerksamkeit und Medienpräsenz. Auch wenn wir die Awards kommunizieren, wissen die meisten immer noch nicht, was diese am Ende sind oder wofür diese stehen.

 

Die Umsetzung des Konzeptes und insbesondere die Transparenz innerhalb des Konzeptes sind für uns enorm wichtig – daran arbeiten wir mit unseren Mitarbeitenden täglich. Deshalb versuchen wir so einfach und geradlinig zu kommunizieren wie es nur geht. Dabei geht es insbesondere um die Herkunft der Produkte, mit wem wir zusammenarbeiten, die Preisgestaltung, was wir am Ende des Tages mit den Produkten machen, die Sicherstellung der Qualität, etc. Dazu gehört auch, dass wir regelmässig Proben der Produkte nehmen und diese in einem Labor prüfen lassen.

Thomas Matla: An wie vielen Standorten ist die Äss-Bar heute vertreten und wie sehen eure Wachstumsabsichten aus?

Sandro Furnari: Zurzeit gibt es neun Verkaufsstellen in acht Städten. In Zürich ist zum Verkaufsgeschäft im Niederdorf zusätzlich ein Foodtruck an der ETH Zürich im Einsatz.

 

Wir sind der Meinung, dass unser Konzept nur in einem städtischen, urbanen Umfeld erfolgreich betrieben werden kann. Dementsprechend wird sich das Wachstum in Bezug auf die Verkaufsstandorte verlangsam. Die Städte, die in Frage kommen, sind mehrheitlich erschlossen. Wir sehen noch weitere Standorte in der französischen Schweiz sowie in Bern und Zürich. Parallel dazu sehen wir ein grosses Potential im Bereich Catering. Dieses wollen wir in naher Zukunft unbedingt erschliessen. Ein weiterer Bereich wird die Information und Aufklärung über Food Waste sein. Hier sehen wir in erster Linie die Möglichkeiten an Schulen und Firmen Workshops zum Thema Food Waste durchführen zu können.

Thomas Matla: Sandro, vielen Dank für die umfangreiche Darstellung eures wirkungsorientierten Geschäftskonzeptes und viel Erfolg weiterhin!

Hier ein paar weiterführende Links zur ÄSS BAR

Äss-Bar in digitalen/sozialen Medien:

 

Homepage: http://www.aess-bar.ch/

facebook: https://www.facebook.com/aessbar (@aessbar)

twitter: https://twitter.com/Aessbar (@aessbar)

You Tube: https://www.youtube.com/watch?v=F4qC8uB4gmM

Weiterführende Informationen zu Purpose driven companies

Box Girls International, in: PRAXISBUCH FRANCHISING Schnelles Wachstum mit System, Bellone/Matla, Redline Verlag 2018
Box Girls International, in: PRAXISBUCH FRANCHISING Schnelles Wachstum mit System, Bellone/Matla, Redline Verlag 2018

Wenn Sie, als Leser/in, weitere Informationen über "Purpose driven companies" suchen, empfehlen wir Ihnen unser "Praxisbuch Franchising - Schnelles Wachstum mit System", Bellone/Matla, Redline Verlag 2018. Darin gehen wir auf den Aufbau und die Führung von ökologischen, sozialen und kulturellen Zweckunternehmen ein und stellen Beispiele, wie das Socialfranchise "SAMOCCA" (Kaffee-Rösterei und Kaffeehaus), das Kulturfranchise "Dialog im Dunkeln" sowie das Socialfranchise

"Box Girls International" vor.

 

Im deutschsprachigen Raum stehen wir zusätzlich für Beratungen, Vorträge und Workshops zur Verfügung.

Das Interview führte Thomas Matla mit Sandro Furnari im Oktober 2018.

Copyright: Thomas Matla, Bellone Franchise Consulting GmbH/ Greenfranchise Lab®

Kontakt: tm@greenfranchiselab.com