Ein Bäckerei-Franchise nach Abraham Harold Maslow

Es ist Sommerzeit, Ferienzeit. Lass uns ein Business-Thema bearbeiten, bei dem wir reisen können. Guter Tipp, denke ich. Gedacht, getan.

„Wir fliegen nach Wien. Hier soll es ein Bäckerei-Franchise-System geben, das nicht nur nachhaltig agiert, sondern in der Art und Weise wie es das tut, auch einzigartig sein soll. Nach ersten Beschreibungen erwarten wir eine Bäckerei mit Positionierung auf der fünften Bedürfnisebene. Sie erinnern sich, Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung stehen (...) im Vordergrund. (...) Wir sind gespannt, wie so etwas aussehen könnte und ob es funktioniert.

Weil das Wetter gut ist und wir bis zum vereinbarten Termin noch etwas Zeit haben, bitten wir den Taxifahrer uns auf unserem Weg an möglichst vielen Kaffeehäusern und Bäckereien vorbeizufahren. Und es gibt wirklich enorm viele in Wien. Hier herrscht Wettbewerb. Sich hier zu etablieren, braucht innovative Konzepte. Jedes der Bäckerei-Schaufenster lädt zum Einkauf ein und die vielen Cafés, wie das Demel, Eiles, Sperl und Westend zum Verweilen.    

Foto © Thomas Matla
Foto © Thomas Matla

Wir entscheiden uns im Café Prückel in die berühmte Wiener Kaffeehauskultur einzutauchen, bevor wir, auch am Dr. Karl-Lueger-Platz, unser Ziel aufsuchen. Und es ist ein zweifacher Kulturschock. Während man im Café Prückel die Kaffeehauskultur noch zelebriert und die Zeit stehen zu bleiben scheint, ein perfekter Ort zum Entschleunigen, erwartet uns in der Bäckerei »Baking Academy« das bunte Leben auf drei Etagen. 

 

Es gibt so genannte Show-Areas, Consulting-Areas und Sales-Areas. Letztere kennt man so ähnlich und in klein aus fast allen traditionellen Bäckereien. Hier kann man handwerklich gefertigte Backwaren unterschiedlicher Herkunft und Ausführung käuflich erwerben. Verwendet werden nur natürliche Zutaten, worüber eine Vielzahl von gedruckten Flyern informiert. Hier gibt es zusätzlich jedoch noch die Möglichkeit, in einer gut bestückten Buchhandlung Backbücher der unterschiedlichsten Regionen und Länder einzukaufen sowie in einer Kitchen-Area unterschiedliches Back-Equipment. In der Consulting-Area können wir uns rund um die Themen Bäckerei und Backen informieren. Hier gibt es sowohl Tipps zu Berufsmöglichkeiten, wie auch Aus- und Weiterbildungsangebote. Eine besondere Leistung, die wir so noch nicht erlebt haben, ist die Reisebuchungsmöglichkeit für internationale Backreisen.

Der Show-Bereich verfügt über eine erstaunliche Zahl von Zuschauerplätzen, die ziemlich gefüllt sind. Von hier aus kann man die verschiedenen Backvorgänge auf der Bühne, die parallel ablaufen, verfolgen. Während links wahrscheinlich Meisterschüler wunderbare Sachertorten zaubern und rechterhand sich Auszubildende an verschiedenen Brötchensorten versuchen, wird heute der Main Act von einer Afrikanischen Delegation gebildet, die eine uns unbekannte Brotfladenform herstellt. 

Die australische Erfinderin und Franchise-Geberin dieser lebendigen Baking Academy gesellt sich zu uns und erklärt die Zusammenhänge. Es würde zurzeit auf der linken Seite eine klassische Österreichische Prüfung abgenommen. Die Prüfer säßen im Publikum. Diese öffentlichen Prüfungsabnahmen hätte man sich von den Kunst- und Musikhochschulen abgeschaut. Alle hätten etwas davon. Die Aufmerksamkeit für das Bäckereihandwerk und die auch kulturelle Relevanz für die Gesellschaft würden so vergrößert und gestärkt. Und auch für das eigene System seien diese Prüfungen gut. Zumal zu solchen Veranstaltungen auch immer gern andere Franchise-Nehmende eingeladen würden. Rechts, das wären noch gar keine Auszubildenden, sondern Schüler und Schülerinnen, die sich in einem Orientierungsjahr befänden und sich verschiedene Ausbildungsberufe konkret anschauen würden. Hier würden sie eine Art Eignungstest ablegen. Und in der Mitte, das sei auch eine Prüfung. Diesmal würde es allerdings um ein Unterstützungsprojekt in Afrika gehen. Hier würde die Baking Academy Projekte zur Berufsausbildung im Bäckereihandwerk fördern. Kleine Selbstständigkeiten könnten so erfolgreich angeschoben und langfristig unterstützt werden. Der Informationsaustausch, die Anleitung und Ausbildung, also die Hilfe zur Selbsthilfe, seien besser, als nur Geldspenden, meint unsere Gastgeberin. Und weiter: »Wir investieren nachhaltig in Aus- und Weiterbildung«.

Dieses erinnert uns an Schweizer Fasnachtsgebäck
Dieses erinnert uns an Schweizer Fasnachtsgebäck

In der ersten Etage befinden sich die Schulungsbackstuben für den Privatbedarf. Hier werden Kurse veranstaltet, wie »Das französischste Baguette« und »Die Berliner Schrippe«, aber auch »Österreichs beste Sachertorte« und »Das Schweizer Vermicelles«. Das Kursangebot sei sehr international und sehr beliebt. Eigene Wünsche und Kreationen können darüber hinaus in der Forschungsbackstube entwickelt und verwirklicht werden. Die dritte Etage stehe dann ganz im Zeichen der professionellen Ausbildung. Hier würden sich auch regelmäßig die Franchise-Nehmenden zum Austausch und zur Weiterbildung treffen. Dabei würde es dann um alle Bereiche gehen, Ökonomie, Ökologie, Kultur und Soziales, um Ressourcen-Einsparungen ebenso, wie um die Entwicklung und Förderung von Alternativen. Nicht stehen zu bleiben, offen für neues Wissen und neue Lösungen zu bleiben und sich ständig weiter zu entwickeln, das sei das Geheimnis der Baking Academy.“

Wir sind beeindruckt und reden auf unserem Rückflug nach Berlin noch viel über die konsequente,  zeitgemäße und faszinierende Umsetzung der Markenpositionierung der Baking Academy, die Liza Goldsmith nach der klassischen Maslow-Pyramide in beeindruckender Art und Weise realisiert hat. 

 

Thomas Matla, Greenfranchiselab® Berlin © 27.07.2015

 

Der Textauszug stammt aus dem Kapitel "2.4 Nachhaltigkeitspositionierungen ganz praktisch". In diesem werden verschiedene Marken-Positionierungsansätze, die sich an der Maslow Pyramide orientieren, nach der Storytelling-Methode veranschaulicht.

 

Das innovative Nachhaltigkeitsbuch „Green Franchising“ wurde vom Autoren-Duo Prof.Veronika Bellone und Thomas Matla verfasst © Münchner Verlagsgruppe, ISBN Print 978-3-86880-137-8, ISBN E-Book 978-3-86416-109-4, gebunden, 256 Seiten, 2012, weitere Infos. 

 

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